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Auflistung meiner bisher gegangenen Touren


Einzelheiten zur Tour Aussichtsberg Beacon Fell und Coniston Water

Aufbruchszeit25.May 2022, 11:40
Ankunftszeit25.May 2022, 19:36
KategorieMittelgebirge Mittelgebirgstour
Schwierigkeitmittel mittel
Länge in km16
Höhendifferenz460
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Streckenprofilhier klicken!

Weitere Einzelheiten zur Tour

Prolog: Diese Tourenbeschreibung ist sehr emotional. Wer sich solcher Emotionalität nicht gewachsen fühlt, der sollte jetzt schnellstens aufhören zu lesen und z.B. die DVD Rambo 3 einlegen. Allen anderen wünsche ich viel Spaß und hohen Erkenntnisgewinn.

Jede Wanderung ist anders. Manche sind vielleicht langweilig, manchmal ist das Wetter schlecht, manchmal führt man echt tiefgründige Gespräche, manchmal albert man herum, oft hat man tolle Aussichten. Aber diese Wanderung war aus einem Grunde besonders, der so im Vorfeld nicht absehbar war. Für diesen Mittwoch war mal wieder ein regnerischer Vormittag angesagt. Wegen unserer Regentouren am Sonntag und Montag hatten wir mittlerweile eine gewisse Aversion gegen den Regen im Lake District entwickelt, deswegen frühstückten wir spät und brachen gegen Mittag auf. Die Fahrt von der Thornthwaite Farm über die Passhöhe Long Rigg und den Subberthwaite Common führte uns über wieder mal aberwitzig schmale Straßen nach Lowick Bridge. Hier fuhren wir am Red Lion Inn vorbei, einem Pub, dem wir nach der Wanderung einen Besuch abstatten wollten. Auf einer wieder zweispurigen Straße ging es nach Water Yeat, und westlich dieses Weilers fanden wir den Wanderparkplatz, wie auf der Karte eingetragen. Von dort wollten wir knapp 8km über den Beacon Tarn zum Beacon und am Rande des Coniston Waters zurück zum Auto wandern. Es ging zu Beginn ein paar gemütliche Wanderwege durch eine abwechslungsreiche Hügellandschaft. Nach ca. 35 Minuten erreichten wir den Südzipfel des Beacon Tarn, einem kleinen Bergsee. Von links kamen plötzlich zwei Hunde den Weg heruntergetrottet. Ist ja erstmal nichts Ungewöhnliches... Ein schwarzer und ein beiger Labrador. Beide liefen uns schwanzwedelnd entgegen, nur merkwürdigerweise folgten keine Menschen, die zu den Hunden gehörten. Na ja, insbesondere Kathrin und ich gingen den Hunden entgegen, der scharze Labrador trat relativ schnell den Rückzuck an, der beige jedoch nicht. Wir haben eigentlich nichts getan, der Hund folgte uns plötzlich. Wir strebten nun am westlichen Seeufer einer gemütlich aussehenden Baumgruppe entgegen, mit einer blühenden Kastanie, einem in dieser Gegend ziemlich untypischen Baum. Dort hockten wir uns ins Gras, um Pause zu machen. Ich kramte aus dem Rucksack eine Tupperdose mit meinem missglückten Haferflockenbombenexperiment mit Ananas und Kokos hervor. Beim Öffnen der Dose war der Hund sofort mein Freund, er krabbelte auf meinen Rucksack und war von dort nur noch mit Gewalt zu entfernen. Das Essen habe ich dann erstmal aufgeschoben. Wir bemerkten, dass beide rechten Pfoten mit blauem Selbstklebe-Wickelpflaster bandagiert waren. Ein Verband löste sich bereits ab. Kurz nach der Pause sah ich, dass am südlichen Seeende vier Wanderer auftauchten. Ich bat Dagmar, auf den Hund aufzupassen und lief diesen Wanderern entgegen. Auf mein Frage, ob sie ein oder zwei Personen getroffen hätten, die nach einem Hund suchten, antworteten sie nur, dass sie seit Ulverston niemanden getroffen hätten, und der Hund hätte uns wohl zum Adoptieren ausgesucht (da kann man die Frage stellen, ob das vielleicht so in der Gegend üblich ist...).
Also zurück zu Dagmar. Tja, wir nehmen den Hund erstmal mit. Nach wenigen Metern fiel die Bandage am Hinterlauf ab. Die Pfote war mit rotem Desinfektionsspray überzogen, eine Entzündung, offenbar sehr schmerzhaft für den Hund, zeigte sich. Dagmar hatte vor der siffigen Bandage großen Respekt, also teilten wir uns die Arbeit: Sie warf den Hund auf die Seite, ich brachte die Bandage wieder an. So konnte es dann weitergehen. Jetzt ging es steil, teilweise über Felsen, den Beacon Fell hinauf, unserem Tagesziel, dem Aussichtspunkt auf Coniston Water. Der Hund heftete sich an Kathrin, die den Berg von Süden anging. Oben trafen wir uns wieder. Der Hund fühlte sich in unserer Gesellschaft sichtlich wohl, er jaulte nicht, er bellte nicht. Es gibt Fotos, wie er mit uns zusammen auf den großen See Coniston Water blickt. Wir hatten jetzt ein echtes Maskottchen! Wir stiegen nach der Rast nach Norden ab. Mit Ronny sponn ich schon Schlagzeilen zusammen: Der Daily Mirror berichtet: Heimischer englischer verletzter Hund von Deutschen entführt und zu Bergtour gezwungen! Nach einem knappen Kilometer erreichten wir eine schmale Fahrstraße, nun fielen beide Bandagen bei dem Hund ab, ich übernahm wieder den Verbandspart. Mittlerweile hatte ich etwas Routine entwickelt, aber da der Verband nicht mehr verklebte, löste sich die Mimik immer wieder recht schnell. Als der Hund dann auf dem Asphalt zu humpeln begann, tat mir das in der Seele weh. Dagmar erkannte sehr schnell, dass der Hund gezielt anhielt und von uns offenbar Hilfe erwartete. Aber wieder einmal: Kein Winseln, kein Bellen. Dieser Hund war leidensfähig, und er zeigte seinen Schmerz nur subtil. Wir waren sein Rudel, und er wollte dazugehören. Wir konnten die schmale Straße verlassen, auf einem Footpath stiegen wir zum Coniston Water ab. Nun stand uns mit dem Hund das Schwierigste bevor: ca. 400 Meter entlang der Hauptstraße, die zum Glück nur wenig befahren war. Wir bildeten einen Pulk und schützten so den Hund. Ach ja, hatte ich ja vergessen zu erwähnen: Der Hund hatte kein Halsband! Das meisterten wir aber, und so ging es zum Ufer des Coniston Waters. Da wir heute keinen Zeitdruck hatten, gab es auf einer felsigen Halbinsel eine längere Pause. Der Hund blieb immer noch bei uns, Dagmar und ich banden den Verband noch einmal neu, und dem Hund gefiel es immer noch sichtlich in unserer Gesellschaft. Vor unseren Augen zog ein Dampfschiff vorbei, besonders schön die glänzende goldende Schlange als Gallionsfigur. Nach der Pause wanderten wir über Wiesen weiter südwärts nach Lake Bank, vorbei an einem Bootsanleger. Die Schafe kümmerte der Hund überhaupt nicht, nur als auf dem Wanderweg eine verendende Taube (von einem Pkw erwischt) lag, da musste Dagmar etwas Gewalt anwenden, um den Hund daran vorbei zu zerren. Jenseits der Straße lag eine kleine Gruppe von Wohnhäusern. Wir waren uns ja im Klaren, dass der Hund jemandem gehörte. Wir konnten den Hund aber auch nicht in den Pub mitnehmen (wäre im Nachhinein eine zeitsparende Lösung gewesen). So entschied ich mich, zu den Häusern zu gehen. Dagmar passte solange auf unseren Hund (Arbeitstitel: Beacon) auf, während die anderen bereits zu den Autos weiterwanderten. Ich stieg über einen Seitenzugang zu den Häusern auf. Es sah nach einem Ferienkomplex aus. Da, eine Klingel mit handbeschriftetem Schildchen: Das muss jemand sein, der hier dauerhaft wohnt. Ich klingel, nach einer halben Minute öffnet sich die Tür. Ein freundlich wirkender älterer Herr erscheint in der Tür. Ich schildere ihm unser Problem, wir hätten da einen Hund, der ist total lieb, aber wir müssten ihn in wohlwollende Hände übergeben, damit die Hundehalter gefunden werden können. Im Nachhinein hätte ich es nicht besser erwischen können. Der ältere Herr (namens Andrew) war sofort bereit, mir zu helfen. Er schaute erstmal, ob der Garten am Nachbarhaus komplett eingezäunt wäre, damit der Hund erstmal dort einquartiert werden könne. Das war der Fall, und ich bat ihn, kurz zu warten, damit ich Dagmar mitsamt Hund nachholen könne. Ich runter, Dagmar wartete schon mehrere Minuten, wir dann hoch. Dagmar hat den Hund auf ca. 100 Metern Länge über die Straße getragen, um Fahrzeugkollisionen zu vermeiden! Sie beschwerte sich, dass der Hund so muskolös sei. Als Andrew den Hund sah, war er auch sofort von seinem Wesen angetan. Wir tauschten noch Kontakdaten (Mobilnummer + email) aus, dann verabschiedeten wir uns. Ich erwähnte noch, dass wir in den Red Lion wollten. Ja, so endete dann die Episode Hundehalter für zwei Stunden auf Probe. Dieser Hund und sein Wesen hatten mein Herz berührt. Ich glaube, nie zuvor in meinem Leben habe ich mehr verstanden, wie Hunde ticken, und warum es heißt, sie seien die besten Freunde des Menschen. Na klar, es war ein Glücksfall, dass wir einen Hund angetroffen hatten, der offenbar noch nie mit Menschen schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Aber so schnell, wie dieser Hund Freundschaft mit uns schloss und unsere Gesellschaft genoss, das fasziniert mich bis heute. Glück ist immer nur ein flüchtiger Moment, aber an der Seite dieses Hundes habe ich mich glücklich und zufrieden gefühlt. Es gibt Dinge, die schweißen lebende Wesen zusammen, vielleicht das Bewusstsein, dass das Leben selbst etwas Besonderes ist, und mit einer gewissen Portion Demut, aber auch Dankbarkeit, habe ich diese Lektion an diesem Tage entgegengenommen.
Nun gut, wie ging der Tourentag aus? Dagmar und ich überquerten einen kleinen Höhenrücken und erreichten so die anderen aus der Gruppe an den Autos. Wir fuhren zurück nach Lowick und kehrten in den Pub ein. Wieder einmal ein sehr schöner Pub, viele Einheimische gesellten sich nach und nach dazu, teilweise mit Hunden. Plötzlich tauchte auch Andrew auf. Er wäre mit dem Hund bei einem Tierarzt gewesen, aber der konnte irgendwie den Chip im Fettgewebe nicht auslesen. Aber er würde es morgen bei einem anderen Tierarzt versuchen. Wenn das auch nicht gelänge, würde er den Hund einfach behalten, denn heute sei zufällig auch noch sein Geburtstag!
Nach der Einkehr im Pub kam Kathrin noch auf die Idee, zu Fuß zur Thornthwaite-Farm zurückzuwandern. Ronny, Dagmar und ich waren von der Idee sofort begeistert, das Wetter war auch viel zu schön, um mit dem Auto zurückzufahren. So liefen wir über schöne Footpathes, aber auch über Asphaltstraßen zurück und konnten das herrlich milde Abendlicht für so manch schönes Foto verwenden.

Epilog: Einen Tag später versuchte ich, Andrew per Telefon zu erreichen. Eine SMS wurde nicht beantwortet, der Anruf glückte nicht. Auf dem Zettel, den wir ausgetauscht hatten, war die Mailadresse nicht entzifferbar. Ich wusste also nicht, ob der Hund wieder zu seinen Haltern zurückgekehrt war. Wieder zuhause habe ich die Handschrift etwas genauer untersucht... Mit etwas Phantasie könnte diese 1 vielleicht doch eine 2 sein. Anruf gestartet, Klingelton, Andrew geht ran!! Ja, es hätte sich alles geklärt. Beim zweiten Tierarzt konnten per Chip die Halter ermittelt werden, auch das Red Lion Inn hat wohl noch eine Rolle gespielt, das hat sich mir aber nicht mehr so genau erschlossen. Andrew hatte an dem Hund großen Gefallen gefunden, ich glaube, auch ihm ist es schwergefallen, sich von dem Hund zu trennen, und er will versuchen, Kontakt zu den Haltern herzustellen, um den Hund noch einmal zu besuchen.
Eine weitere Dimension erhält diese Geschichte, weil Andrew in der christlichen Ökomene und bei den Baptisten in Cumbria stark engagiert ist. Ich hätte ja bei so vielen Leuten klingeln können, aber ich habe genau Andrew erwischt, die wahrscheinlich vertrauenswürdigste Person weit und breit.
Das war jetzt ein außergewöhnlich langer und außergewöhlich emotionaler Tourenbucheintrag. Der Hund (sein Name ist wahrscheinlich Bow) war einfach nur toll, ein echter Freund fürs Leben, und ich bin dankbar, ein paar Stunden meines Lebens mit ihm geteilt haben zu dürfen.

Bilder zu dieser Tour sind in dieser Galerie zu finden.
Coniston Water
Coniston Water
Wool Knott
Wool Knott
Da kommen sie
Da kommen sie
Kastanienblüte am Beacon Tarn
Kastanienblüte am Beacon Tarn
Hund wird untersucht
Hund wird untersucht
Plattgetretenes Gras
Plattgetretenes Gras
Der Beacon Tarn
Der Beacon Tarn
Auf dem Beacon
Auf dem Beacon
Beacon-Panorama
Beacon-Panorama
Fotogener Hund
Fotogener Hund
Dampfschiff auf Coniston Water
Dampfschiff auf Coniston Water
Dagmar mit Hund
Dagmar mit Hund
Goldener Drache
Goldener Drache
Fish and Chips im Red Lion Inn
Fish and Chips im Red Lion Inn
Gaststube im Red Lion Inn
Gaststube im Red Lion Inn
Rückmarsch zur Ferienwohnung
Rückmarsch zur Ferienwohnung
Mauer trifft Brücke
Mauer trifft Brücke
Bäume und Schafe
Bäume und Schafe
Hügelketten
Hügelketten
Thornthwaite Farm
Thornthwaite Farm



Letzte Änderung : 22-Jul-2022
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